Residenzen

Flausen+ 2022

Auch in diesem Jahr dürfen wir wieder künstlerische Forschungsprojekte im Rahmen von #takeheart und flausen+ unterstützen. Wir freuen uns auf 12 Residenzen in den nächsten Monaten! Einen Blick hinter die Kulissen sowie Interviews mit den Teilnehmenden gibt es hin und wieder auf Instagram. Hier stellen wir unsere Residenzkünstler und -künstlerinnen und ihre Projekte im Überblick vor:

RAFAŁ DZIEMIDOK: „How to dance outside“

Drinnen: Perfekter Tanzboden. Licht. Ruhe. Publikum. Draußen: Asphalt. Kiesel. Scherben? Lärm. Autos. Menschen, die gehen, stehen, eilen. Auch ein Laie kann sich vorstellen, dass aus spontanen Betrachter*innen im öffentlichen Raum viel schwieriger ein Publikum zu gewinnen ist, dass sich auf das einlässt, was durch den Tanz erzählt werden soll.

Welche Bedingungen Tänzer und Tänzerinnen brauchen, die draußen arbeiten und welche Fähigkeiten sie mitbringen müssen: Daran hat Rafał Dziemidok während seiner flausen-Residenz geforscht. Mit Fragebögen und Workshops hat er sich dem Thema genähert, um weiter vom Automatismus zur Methode zu gelangen.

Workshop im Komplex – Fotos: Laura Kaiser

Rafał Dziemidok: 1971 geboren, lebt seit 2012 in Berlin, ist freier Tänzer, Schauspieler, Choreograf, Theaterregisseur und Improvisationscoach. Eines seiner Solo-Stücke trug den Titel „How to dance forever“ und beschäftigte sich u.a. mit der Frage, was Tanzen auf Dauer mit Profis macht. In Chemnitz war er bereits mit „Out of Season. Undancing Vivaldi“ zu sehen. Ausschnitte seiner Arbeit zeigt er auf @jimmydoesvivaldi und seiner Webseite.

DAKOTA COMÍN: „This body is not completely mine“

Wieviel Handlungsmacht haben wir eigentlich über unseren Körper? Was steuern wir und was steuert uns? Was hat uns geprägt und beeinflusst unsere Handlungsfreiheit? Wie bewusst ist uns das Unbewusste und wie können wir es nutzen? Diesen Fragen ist Dakota Comín während ihrer Residenz im Komplex nachgegangen.

Sie hat sich tief in ihren Körper zurückgezogen, hat genutzt, wie sich Musik und Bewegung sich auf Stimmung und Verbindung um eigenen Körper auswirken, hat mit ihrem Puls gearbeitet und Methoden entwickelt, um andere Tänzer und Tänzerinnen ebenso in Kontakt mit ihrem Körper zu bringen: mittels Tanz, Yoga- und Meditationspraktiken, aber auch Cranio-Sacral-Therapie. Diese Technik aus der Osteopathie beschäftigt sich mit dem Liquor im Nervensystem und der Frage, wie der Rhythmus der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit unser Wohlbefinden beeinflusst. Die gewonnenen Techniken nimmt sie mit in eine weitere Residenz.

Theorie und Praxis im Komplex

Ihr Ziel ist mehr als eine Innenschau: „Ich möchte dazu einladen, Empfindungen und Körperreaktionen zu hinterfragen. Je besser ich meinen Körper kenne, desto besser kenne ich mich und desto freier bin ich.“ Nur wer den Autopilot verlässt, könne sich lebendig und frei fühlen. Aber auch ins außen ging ihr Prozess im Komplex: Ein selbst verfasstes Gedicht diente als Inspiration für kurze Solo-Performances, die mit Bewegung und Sprache ebenfalls die Handlungsmacht über unseren eigenen Körper diskutieren. Ausgehend von je einer Zeile hat sie improvisiert und kurze Choreografien entwickelt. Auch diese nimmt sie mit, um weiter daran zu arbeiten und schließlich ein Stück für die geplante europaweite Aufführung fertigstellen zu können.

Aus Sprache, Innenschau und Bewegung entsteht eine Performance – Fotos: Laura Kaiser

Dakota Comín ist Tänzerin, Choreografin und Lehrerin und lebt seit 2018 in Berlin. Sie hat 2013 ihren Abschluss in Zeitgenössischem Tanz am Tanzkonservatorium in Valencia in Spanien gemacht. Seit 2014 steht sie regelmäßig auf der Bühne, u.a. seit 2019 mit ihren Solo-Stücken „No Body’s Mind“ und „Volver“, in denen das tiefe Körperverständnis sich in jeder Bewegung offenbart. Die Beschäftigung mit Körper und Geist, die Frage nach den inneren Strukturen, die Betrachtung des Körpers als Labor und Kampfplatz – das sind ihre künstlerischen Leitlinien. Seit 2019 unterrichtet sie auch zeitgenössischen Tanz und Pilates.

SUSANNE BOLF: „Geliebte Dysfunktion oder wie ich meine Familie überlebte“

Wie fordert sich eine heraus, die seit bald 30 Jahren auf der Bühne steht? Die 17 Jahre Impro-Theater in Leipzig gespielt hat? Alleine zu improvisieren und dann noch über die eigene Lebensgeschichte: Das hatte sich Susanne Bolf im Rahmen ihrer Residenz vorgenommen. Sie stellte sich eine Frage, vor der viele Künstler*innen irgendwann stehen: Wenn ich meine eigene Story auf die Bühne bringe, wen interessiert das? Und was nimmt sich das Publikum mit?

Geboren wurde die Idee aus dem „inneren Aufräumen“, das sie in der Corona-Zeit vorgenommen hat, aus der Beschäftigung mit der eigenen Herkunft und der möglichen Heilung von Dysfunktionalität. Nicht nur die eigene Biographie, sondern auch Erzählungen aus einer Selbsthilfegruppe flossen in die Vorbereitung ein. Zuhören, lesen, die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Familie waren ihre ersten Schritte. Szenen, die sich daraus für die Bühne entwickelt hat, hat sie schließlich zurückgestellt, um mehr als der eigenen Story Platz zu machen.

„Geliebte Dysfunktion…“ als erster Testlauf in Leipzig

Ihre Residenz kumulierte in einem öffentlichen Test: Im Meditationszentrum Leipzig stellte sie dem gemischten Publikum aus Vertrauten und Fremden Fragen zu ihrem Leben, wollte wissen: „Was ist Dysfunktion für euch?“ Mit den Antworten und „dem eigenen Krempel“ hat sie eine Figur gebaut und mit musikalischer Begleitung zum Thema improvisiert.

Der Test ging auf: Nicht nur, dass die Zuschauer*innen eigene, z.T. schmerzhafte Erlebnisse mit ihr und dem Publikum geteilt haben – sie ließen sich auch von den anderen Geschichten berühren. Ein „Das kenne ich!“ wurde nicht nur einmal zurückgemeldet. Somit lautet ihr Fazit: Das Konzept funktioniert, auch für Nicht-Beteiligte. Daraus soll nun ein rund einstündiges Solo-Programm entstehen.

Veranstaltungsort war ein Meditationszentrum

Susanne Bolf ist Schauspielerin und lebt in Leipzig. Sie hat 1994 ihren Abschluss in Darstellendem Spiel in Ulm gemacht. Feste Engagements hatte sie am „Theater der Kirche“ und der „Theaterturbine“ in Leipzig. Seit 2003 hat sie sich im Bereich Improvisation weitergebildet und war auf zahlreichen Impro-Festivals zu sehen. 2015 hat sie ihr eigenes Konzept entwickelt, das die Impro-Idee auf die nächste, persönlichere Ebene hebt: Im „Sofatheater“ erleben die Zuschauer*innen, wie ihre eigenen Geschichten auf die Bühne gebracht werden – mittels Techniken aus dem Playback- und dem Impro-Theater sowie Empathiewerkzeugen aus der Gewaltfreien Kommunikation.


Flausen + 2020/21

Wir freuen uns sehr, seit 2020 Mitglied der flausen + Familie zu sein, die deutschlandweit kleinere Theater zusammenführt und gemeinsam mit dem Fonds Darstellende Künste Forschungsstipendien vergibt. Im Winter 2020-2021 begleiteten wir im Komplex diese künstlerischen Residenzen:

Aleš Vancl vom Theater FIGURO arbeitete bei uns auf den Spuren des Teufels, der trotz Jahrhunderten der Austreibungen und Säkularisierungen in unserer sprachlichen Erinnerung fest verankert ist. Anhand von Bildern, Kostümen und literarischen Überlieferungen wurden so verschiedene Dämonentypen im interkulturellen Kontext spielerisch untersucht, insbesondere was ihre Anatomie, ihr Habitus und ihre Beziehung zueinander und zum Mensch betrifft.

Aleš Vancl mit: Auf der Spur des Teufels (Fotos: Heda Bayer)


Gabi Reinhardt: Grrrrl kann man ja noch nicht mal richtig aussprechen! – Dann schreiben wir’s halt auf! Grrrrl ist ein Text über Sprache, Gewalt und Sexualität. Diesmal „sprechen“ wir: Frauen*. In partizipativer Arbeitsweise entsteht ein wildes, unangepasstes Bild vom Frau*-Sein in den 20ern dieses Jahrhunderts in einer mitteldeutschen Großstadt. Unsere zweite Residenzkünstlerin, Autorin und Performerin Gabi Reinhardt entwickelte in der OFF-Bühne Komplex nachausgiebiger Recherche einen Workshop, in dem Frauen* ihre Sicht auf die Dinge niederschreiben. Aus diesen Gedanken und einem eigenen Manuskript wurde ein Bühnentext entstehen, der im Herbst 2021 im Komplex inszeniert werden soll.

Gabi Reinhardt mit: Grrrrl (Fotos: Alexej Vancl)


Sasha Portyannikova und Nitsan Margaliot: Was befindet sich am Rande der Tanzgeschichte – außerhalb der bekannten europäischen Erzählperspektive? Sasha Portyannikova und Nitsan Margaliot sind mit Touching Margins auf der Suche nach alternativen Narrativen, erforschen kulturell geerbte Verkörperungen und durchstöbern außereuropäische Archive, um vernachlässigte Teile der Tanzgeschichte als relevantes Erbe sichtbar zu machen.

Sasha Portyannikova und Nitsan Margaliot mit: Touching Margins (Fotos: Heda Bayer)


Teresa Stelzer: Wie lassen sich sicher, geschmeidig und selbstständig Ebenen wechseln?
Körperlich im Bühnenraum. Und welche inhaltlichen Ebenen eröffnen sich dadurch? Mit Blick auf ihren Körper ging Teresa Stelzer, freischaffend im Bereich des nonverbalen Körpertheaters, diesen Fragen nach.

Teresa Stelzer mit: Ebenen (er)zählen. – Gebrauchsanweisung für meinen Bühnenkörper (Fotos: Johannes Gibbert)


Leonardo Fonseca: Der Tänzer und Choreograph Leonardo Fonseca forschte mit Sprechen durch Tanz nach Wegen und Möglichkeiten, modernen Tanz näher am Publikum zu positionieren. Sein Spielort ist der Öffentliche Raum in Chemnitz, sein Ziel ist es, das Publikum zu sensibilisieren, zu fordern und mitzureißen. Choreographisch arbeitet er mit repetitiven Bewegungsabläufen und alltäglichen Situationen, die er mit Ideen aus Urban Dance, Martial Arts und Folklore verknüpft. Eine spannende Melange!

Leonardo Fonseca mit: Sprechen durch Tanz (Fotos: Heda Bayer)


Ulrike Sorge: Die Chemnitzer Regisseurin Ulrike Sorge setzt sich in Ihrer Residenz mit den Themen Täter und Opfer, Krieg und Frieden sowie Erinnern und Vergessen auseinander und nutzt dazu Pablo Picassos Gemälde „Guernica“. Sie arbeitet mit Worten, Bildern, Projektionen und Schatten und legt so den Grundstein für ein thematisches Regie-Exposé oder eine Collage.

Ulrike Sorge mit: Guernica (Fotos: Verena Russell)


Das Programm: #TakeCareResidenzen, ein Förderprogramm des Fonds Darstellende Künste, fördert ergebnisoffene Recherchen, Labore oder konzeptionelle Vorhaben in Verbindung mit einer Residenz in einer Spielstätte des Bündnisses internationaler Produktionshäuser bzw. des flausen+bundesnetzwerks.

Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von Neustart Kultur. Realisiert durch das Bündnis internationaler Produktionshäuser und das flausen+bundesnetzwerk.