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Chemnitz, wo ist dein Taupunkt?

September 2021: Neustart auf der Straße

Kommt wieder wer? Und wer kommt? Theaterpublikum gibt es in Chemnitz reichlich (doch, doch, lest erst mal weiter) und zwar auch unter den Menschen, die noch nie im Theater waren. Davon sind wir bei Taupunkt überzeugt. Ach was, wir haben es erlebt.

Aber von vorn: Mit Unterstützung des Fonds Darstellende Künste haben wir Chemnitzer und Chemnitzerinnen jenseits der Bühne angesprochen. Sie mussten nicht ins Komplex kommen – sondern wir sind zu ihnen gegangen. Ein Neustart in drei Teilen.

Theater to go

Bahnhöfe und Shoppingcenter bewegen täglich hunderte Menschen – aber in der Regel nicht mit Kultur. Das haben wir uns zu Nutze gemacht. Am Chemnitz Hauptbahnhof und in der Sachsen-Allee wurden vom 30. August bis 12. September immer wieder 5 Videos ausgestrahlt, die auf pointierte Art Witz, Schönheit und Neugier des Theaters in die Nicht-Orte bringen sollten. Wir wollten und wollen wissen: „Und wo ist dein Taupunkt?“

Von Chemnitz in die Welt

Längst kann unsere Ansprache grenzenlos sein: Der öffentliche Raum – das sind nicht mehr nur Plätze und Straßen, das ist auch der Stream in eurem Wohnzimmer. Am 5. September ließen wir „Müller gegen Müller“ antreten, live aus dem Komplex ins Internet.

Der große Heiner-Müller-Abend vereinte Lesung, Film, Live-Musik und Diskussion – immer mit dem Fokus: Was hat uns Müller heute zu sagen? Dass der große Dramatiker des 20. Jahrhunderts in der Fast-Nachbar-Stadt Frankenberg zur Schule ging und Hilfsbibliothekar war, bevor er großer Dramatiker wurde, ist nur ein weiteres Beispiel, das sagt: Der Ort spielt keine Rolle.

Falk Strehlow und Wolfram Ette, die im Januar 2021 das Buch „Klassengesellschaft reloaded und das Ende der menschlichen Gattung“ herausgebracht haben, sprachen mit Thomas Heise und Anja Quickert. Es musizierten: Gregor Kuhn, Tony Müller, Tobias Brunn und Thomas Seibig.

Von Köpfen und Körpern

Der Kopf ist 50 Jahre alt, 7,1 Meter hoch und rund 40 Tonnen schwer. Er wurde in Leningrad geboren und in einem Land aufgestellt, das es nicht mehr gibt. Manchmal trägt er einen Hut, immer einen forschen Blick: Die Rede ist von der Büste von Karl Marx.

Chemnitz ist längst nicht mehr Karl-Marx-Stadt, aber ein Chemnitz ohne Kopf? Undenkbar. Die Chemnitzer*innen nennen ihn Nischel, sie wissen alles über ihn. Alles?

Tja, wo ist der Körper zum Nischel? Und wie geht es ihm? War er lange isoliert, wie wir? Braucht er eine Umarmung? Und warum ist das wichtig?

Eine Stadt braucht mehr als einen Kopf. Auch im Hinblick auf 2025: Der Kopf allein ist kein guter Gastgeber. Diese Lücke füllen, dem Körper und seinen Bedürfnissen Raum geben: Das war die Idee hinter dem Projekt „Karl, where’s the body?“

Proben im Komplex unter der Regie von Pavel Štourač – Fotos: Laura Kaiser

Vom 6. bis 11. September trafen die lokalen und regionalen darstellenden Künstler*innen von Taupunkt auf das Theater Continuo aus Tschechien, das jede Menge Erfahrung mit dem Bespielen ungewöhnlicher Orte mitbrachte. Gemeinsam wurde geprobt, improvisiert, eine wiedererkennbare Bildsprache entwickelt, wurden Impulse aus dem Publikum unmittelbar oder nachträglich aufgenommen und Chemnitzer Orte, Lieblingsorte, Wunschorte einbezogen. Akteur*innen aus 8 Nationen brachten die Ergebnisse in nahezu täglichen Miniaturen und bei einem großen Finale vor dem Komplex auf die Straßen.

Sie verwirrten, neckten, überraschten die Menschen auf dem Rosenhof am 6.9., was auch von der Freien Presse aufgegriffen wurde.

Miniaturen im Stadtzentrum – Fotos: Laura Kaiser

Sie tanzten, schwebten, zerflossen auf dem Platz beim ehemaligen Flughafen im Heckert-Gebiet am 7.9.

Sie versteinerten, verharrten und befreiten sich auf dem Brühl am 8.9.

Nicht in Zement gegossen: auf dem Brühl – Fotos: Laura Kaiser

Sie warteten, folgten, berührten auf dem Brühl am 10.9.

Kommunikation ohne Sprache und Mimik – Fotos: Laura Kaiser

Sie karrikierten, interagierten und rissen die Fenster auf beim „Hang zur Kultur“-Festival am 11.9. auf der Zietenstraße.

Letzter Auftritt und Abschied vor dem Komplex – Fotos: Laura Kaiser

Für den Taupunkt e.V. waren folgende Künstler*innen aus Chemnitz und Umgebung in Bewegung: Heda Bayer, Alexej und Aleš Vancl, Teresa Stelzer und Paul Buk. Für Continuo spielten: Sara Bocchini, Kateřina Šobáňová, Natália Vaňová, Ludmila Ješutová, Sean Henderson. Regie: Pavel Štourač.

Wir danken dem Publikum – spontan, zufällig oder gewollt. Diese Orte sollen uns und euch auch in Zukunft ein Zuhause für experimentelles Theater bieten. Hochgefahren.

Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Wir danken für die Unterstützung!

Cultur entfalten – Cultursommer 2021

Im Rahmen des Cultursommers 2021 präsentierten wir ein Straßentheater der besonderen Art. In unserem Projekt „Cultur entFalten“ trafen sich zahlreiche darstellende Künstler und Künstlerinnen aus Chemnitz und der Umgebung und erarbeiteten gemeinsam neue Skizzen, die auf Chemnitzer Straßen und Plätzen gezeigt wurden. Frisch, frech, musikalisch, poetisch.

Mit dabei waren: Heda Bayer, Julian Greene, Mark Kitau, Sabine Kühnrich, Matthias Markstein, Jackline Nadler, Jacob Odametey, Gabi Reinhardt, Michal Sandor, Teresa Stelzer, Ludwig Streng, Theater ANASAGES und Theater FIGURO.

Eindrücke aus dem Cultursommer: Cultur entFalten (Fotos: Verena Russell)

Vom 12. Juli bis 01. September sind sie an verschiedenen Orten in Chemnitz aufgetreten. Orte, an denen sonst alles stattfand, aber kein Theater: das Bürgerzentrum Sonnenberg, das New Yorck Center im Yorckgebiet, der alte Flughafen in Helbersdorf und auf dem Rosenhof in der Innenstadt.

Wir danken Chemnitz 2025, der C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren GmbH sowie #neustadtkultur und der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien für die Unterstützung. Dank des Cultursommers konnten wir Imrovisationsworkshops mit verschiedenen lokalen Künstler*innen durchführen und Spielorte ausprobieren.